Worum geht’s?
Arundhati Roy – Autorin von den beiden grandiosen Romanen ‚Der Gott der kleinen Dinge‘ und ‚Das Ministerium des äußersten Glücks‘, Essays und Sachbüchern, Aktivistin für die Selbstbestimmungsrechte von Lebendigem und Indigenen – will mit diesem Buch die Geschichte der eigenen Mutter erzählen, die im September 2022 mit über 80 Jahren gestorben ist. Wie auch ihre Romane ist auch dieses Buch, das auto- und ‚mutter-biografisch‘ erzählt, poetisch, spannend, hinreißend und fesselnd. Es eröffnet Einblick in ein Leben seit den 40er Jahren in Indien von einer hoch-aktiven Frau, Mary Roy, die eine Schule eigenständig gegründet und nahezu bis zu ihrem Lebensende mit starkem Willen und großer Klarheit über ihre Ziele geleitet hat. Verwoben mit diesem Erzählen einer starken, selbstständigen und hochgradig inspirierenden Mutter ist die Geschichte des Kind-Seins von und mit dieser Mutter, den Verwerfungen, Vernachlässigungen und Härten, die eine so stark nach Außen fokussierte Mutter für Arundhati Roy und ihren Bruder mit sich gebracht hat. Das Buch ist nicht nur eine starke Hommage an eine starke Frau, die auch die Mutter war, sondern auch ein Erzählen der eigenen Lebensgeschichte von Arundhati Roy, und wie dieses Leben von dem Sein und der Beziehung zur Mutter geprägt gewesen ist. Es geht gleichzeitig im Erzählen auch weit über die Mutter-Beziehung hinaus und zeigt die verschiedenen Phasen und Stationen in Arundhati Roys Leben auf – von der Architektur-Studentin über die Filmschauspielerin und Drehbuch-Schreiberin über die angstfrei wirkende Aktivistin bis hin zur Roman-Schriftstellerin. Das Buch zeigt auf, wie vielschichtig Nahbeziehungen gelebt werden können und wie Arundhati Roy sie gelebt hat, wie sie immer wieder neu sich herausfordert und offen ist für unerwartete Begegnungen, die für viele eher zu risikobehaftet wären. Und das Buch macht wunderschön deutlich, wie ein Mensch nicht nur politisch schreibt, sondern bis in die Grundfesten politisch leben kann ohne in Dogmatismus zu verfallen, ohne eng zu werden und ohne ein ‚Gegen‘, sondern immer mit einer offenen Haltung für Verbindung und Gerechtigkeit.
Das Buch ist für mich eine Hommage an Arundhati Roy selbst, ihr politisch-lebendiges Sein und ihre großartige Haltung und inspirierende Persönlichkeit.
Wie war mein Leseerlebnis?
Ich habe sehr viel gelernt zu Indien – indischer Politik, Kolonialismus in Indien, Kriegen innerhalb von Indien, indischem Alltag, Armt und Reichtum. Ich habe differenziert über Indien in einer Weise gelesen, die mein Bild von Indien verändert hat.
Ich bin tief beeindruckt davon, wie Arundhati Roy eine Kindheit und Jugend, die auch äußerst brutal, vernachlässigt, mit Härte gekennzeichnet durch das Verhalten der Mutter erscheint beim Lesen, gleichzeitig mit so viel Wärme, Verständnis, Weichheit, Einfühlung und Stehenlassen beschreiben kann. Diese Größe von Arundhati Roy Erlebtes als Erleben zu schildern und nicht als Leiden, ist sehr stark und lese ich als eine Haltung der Güte. Arundhati Roy schafft es höchst beeindruckend nicht in ein Auf- oder Abrechnen, Verletzt-Sein und Zuschreiben zu verfallen, sondern die Mutter als einen vielschichtigen Menschen darzustellen. So wie Arundhati Roy auch nicht sich selber als unfehlbar, grandios und einzigartig darstellt, sondern mit einer teilenden Haltung vom eigenen Leben und Erleben erzählt.
Was sonst noch?
Über die Mutter-Hommage in ihrer schönsten Form beschreibt Arundhati Roy also vor allem auch ihr eigenes Leben. Sie beschreibt ihr eigenes Sein, welches sich für mich im Lesen weitgehend allen Kategorien entsagt. Was heißt zum Beispiel Sorge für Kinder, was bedeutet Mutter-Sein? Wie definieren sich Beziehungen zu anderen Menschen? Arundhati Roy diskutiert dies nicht, grenzt sich nicht ab, sondern schreibt mit einer entkategorisierenden Freiheit des Denkens und Lebens, die ich höchst inspirierend finde. Als hätte Arundhati Roy die Offenheit, jenseits von sozialen Kategorien und Zuschreibungen denken, schreiben und leben zu können. Und ohne im Schreiben eine Theorie daraus zu machen. Höchst inspirierend!
Das Buch zeigt unglaublich schön und eingängig, wie ein Leben, ausgerichtet auf einem lebensbejahenden Aktivismus aussehen kann und ist. Arundhati Roy entzieht sich allen Kategorien und Zuordnungen und folgt – in meinem Lese-Erleben – ihrem inneren Kompass von Verbundenheit, Gerechtigkeit und Respekt.
Auch für Menschen, die mehr Kontext zu den beiden Romanen von Arundhati Roy haben wollen – Spuren aus dem eigenen Leben der Autorin, die vielschichtig in die Romane eingeflossen sind, ist das Buch sehr empfehlenswert – wie es andersherum auch unbändige Lust macht, danach die beiden Romane zu lesen.
Ich bin tief bewegt vom Lesen dieses Buches und empfehle es wärmstens.
[Rezension von Lann Hornscheidt]
Arundhati Roy – Meine Zuflucht und mein Sturm (2025) Frankfurt/Main: S. Fischer Verlag
Übersetzt aus dem Englischen von Anette Grube
Copyright Coverfoto: S. Fischer Verlag
