Worum geht’s?
Es ist eine Geschichte über drei Zeitebenen und immer im Strudel von Flüssen: zu Urzeiten am Tigris, ab 1840 an der Themse, ab 2014 wiederum am Tigris und ab 2018 auch wiederum an der Themse. Die Geschichte ist in wiederkehrenden Schlaufen zwischen diesen verschiedenen Zeiten und Orten erzählt, die letzten drei jeweils verbunden mit einer konkreten Person, an deren Leben in Ausschnitten entlang sich eine Geschichte entfaltet: Arthur 1840, Narin 2014 und Zaleekhah 2018. Und zu allen diesen Figuren, die von der Autorin erfunden sind und doch gleichzeitig auf ihren Recherchen zu konkreten Menschen beruhen, kommen noch zahlreiche weitere Personen aus dem jeweiligen sozialen Umfeld hinzu.
Jede der Geschichten an sich ist schon unglaublich fesselnd und eröffnet ein umfassendes Bild der jeweiligen Zeit aus Sicht einer bestimmten Person – bis auf Arthur sind die Protagonist*innen weiblich, und die Unterdrückung von Frauen, ihren Handlungen und Sichtweisen spielt durchweg eine Rolle in dem Roman.
Auf einer Ebene kreist der Roman um das Vers-Epos Gilgamesch, seine Überlieferung und der Widmung des Versepos für die Göttin des Schreibens, Nisaba. Und wie diese Geschichte patriarchal verändert wurde und Nisaba degradiert wurde zu der Gattin eines Gottes, der fortan für das Schreiben und Kontrolle stand. Hier knüpft der Roman an die Schönheit und Notwendigkeit oraler Geschichten-Traditionen an.
Auf noch einer anderen Ebene beschreibt der Roman die Geschichte eines Wassertropfens, der aus einer Wolke fällt und dem König von Mesopotamien, Assurpanibal, ins Haar tropft – und von dort über Verdunstung und Fließen in Flüssen bis in die Jetzt-Zeit immer wieder vorkommt und die Geschichten von vor allem Gewalt und Erniedrigung immer weiter auch in sich trägt. Hier nimmt der Roman die Frage auf, wie auch Wasser Informationen speichert und weiterträgt – und über das Wasser alles mit allem verbunden ist.
Eine weitere Spur, die den Roman durchzieht sind die steinernen Lamassus(e), die vor dem Palast von Assurpanibal in Ninive standen und im Zuge kolonialer Kämpfe zwischen England und Frankreich irgendwann in westeuropäischen Museen gelandet sind. Koloniale Mythen und ihre Dekonstruktion spielen so auch eine große Rolle in dem Roman – und sind gleichzeitig verknüpft mit oraler Geschichtentradition und der engen Verbindung von menschlichem Leben mit Wasser wie auch allen anderen Elementen.
Alleine diese Fäden, die den Roman durchziehen, zeigen bereits die Vielschichtigkeit von Themen und Schwerpunkten, die sich in ihm finden. Durchzogen ist er thematisch auch von der Frage, wie Menschen sich über Flüsse stellen und was sie mit dem Lebendigen, das Flüsse sind, machen. Den Wunsch von Menschen Flüsse zu stauen zur Energiegewinnung und ungeachtet dessen, was dies mit dem Leben von Indigenen macht, ist hier ebenso Thema wie in dem Roman von Elin Anna Labba (LINK zur entsprechenden Rezension). Und es ist traurig zu lesen, wie parallel die Geschichten in dieser Hinsicht sind: Lebendiges als Ressourcen zu nutzen und das Leben von Indigenen Gruppen gleichzeitig damit zu ignorieren und in seiner Ausübung von Traditionen und Ritualen zu verhindern.
Jede einzelne der drei Zeitebenen und Geschichten, die in diesem Roman immer weiter Stück für Stück erzählt werden und mit der Zeit immer größere Verflechtungen deutlich machen, ist unglaublich spannend und tief berührend. So dass ich immer genau bei dieser Geschichte lesend bleiben will – und dann aber ebenso in die nächste Geschichte mit genau demselben Wunsch eintauche.
Wie war mein Leseerlebnis?
Der Roman ist sehr fesselnd, sehr mitreißend erzählt. Er hat mir viele neue Perspektiven eröffnet, auch zu der Vielschichtigkeit historischer Kontinuitäten und Verbindungen, zur Geschichte von Flüssen ober- und unterirdisch unter Städten, wohin sie verbannt wurden, von dem Wunsch nach Bildung und dem Fehlen von Liebe, von frühen Toden und Schuldgefühlen, von genderbezogener Diskriminierung, Rassismus/Kolonialismus, Klassismus. Und wie Menschen und Geschichten über Jahrhunderte miteinander verbunden sein können, auch wenn wir dies nicht mehr spüren oder den Finger darauf legen können. Welchen Schaden wir Menschen Flüssen antun, welche Gewalt im Verunreinigen, Umleiten und Aufstauen liegt. Welche Energien wir nicht wahrnehmen können und wie wir uns selbst so das Leben und die Lebendigkeit nehmen. Und wie ein altes Versepos und die Lamassuse bis heute berühren und fortwirken.
Was sonst noch?
Ich bin tief bewegt vom Lesen dieses Buches. Nachdem ich es ausgelesen hatte, war es längere Zeit nicht möglich für mich ein neues Buch zu lesen zu beginnen. Das liegt sicherlich zum einen in der Komplexität der Geschichte begründet. Zum anderen auch in der sehr plastischen Erzählung des Schicksals von Narin – der zweiten Hauptperson in dem Buch. Und dem Wissen, dass es nicht ausschließlich eine fiktive Geschichte ist, sondern dass Elif Shafak hier reale Situationen und Gewalt am Beispiel einer Figur aus unserer jetzigen Zeit lebendig macht. Alleine dafür ist es – mit allem Schmerz, den ich so spüre – wichtig das Buch zu lesen.
Eine unbedingte Leseempfehlung.
[Rezension von Lann Hornscheidt]
Elif Shafak – Am Himmel die Flüsse. (2024) München: Carl Hanser Verlag
Übersetzt aus dem Englischen von Michaela Grabinger
