Worum geht’s?
Eva erzählt ihre eigene Geschichte. Aufgewachsen in einer serbischen Kleinstadt, als Einzelkind, wie sie selbst es bezeichnet – neben einem weiteren Einzelkind ihrer Eltern, Vera.
Diese zu Beginn erzählte Geschichte der Familienverhältnisse zeigt bereits, mit welchem Witz die Autorin Eva, die Erzählerin des Romans, sprechen lässt. Das gesamte Buch ist in einem eher mündlichen Erzählton verfasst, hangelt sich ohne Reflexionsschleifen von Erinnerung und Erlebtem zum nächsten Ereignis. Der Roman erzählt auf diese Weise eine recht belanglos oder besser gesagt, recht alltägliche Geschichte eines heterasexuellen Lebens von der Kindheit bis ins Ende der 30er Jahre. Das Erzählte wirkt in keiner Weise strategisch oder aufgesetzt. Es entsteht beim Lesen eine authentische Person, die versucht ein möglichst gutes Leben zu leben. Dieses Leben ist für die Ich-Erzählerin klar davon geprägt eine Beziehung zu einem Mann haben zu wollen. Der Vater ihres Kindes verschwindet mehr und mehr aus dem Leben – von einem Menschen, der nicht mehr sagt als ein paar brummende Geräusche bis maximal einem ‚ja‘ zu den Vorschlägen von Eva. Bis sie sich schließlich trennt, da sie glaubt, dass dies nicht alles gewesen sein kann.
Nach einigen kollegialen Verkupplungsversuchen landet sie schließlich in einer neuen Beziehung, in der sie mehr und mehr in das toxische Verhalten des Mannes gezogen wird – der es immer wieder neu schafft in rhetorischen Volten sie dazu zu bringen, das Problem nicht in seinem ignoranten und gewaltvollen Verhalten zu sehen, sondern bei sich selber zu suchen.
Auf diese Weise entfaltet sich das toxische Verhalten des Mannes mehr und mehr, Eva wird ihm mehr und mehr hörig, folgt ihm zum Arbeiten nach Deutschland, wo sie fortan putzt und er in seinen Ruhm- und Ego-Vorstellungen einen Roman zu schreiben versinkt – von Eva immer mindestens geduldet wenn nicht unterstützt. Auch wirft er Eva, die komplett für die Finanzierung der beiden und irgendwann auch des Kindes zuständig ist, vor, sich dem kapitalistischen System anzubiedern durch ihr Arbeiten. Eva ist gefangen in fehlendem Selbstbewusstsein und einer fraglosen Übernahme der männlichen Beziehung auf sie selbst.
Wie war mein Leseerlebnis?
Die Erzählung ist mit viel Humor geschrieben, und die Ich-Erzählerin Eva erzählt mitreißend. Nach meinem anfänglichen Mitfühlen habe ich mich beim Lesen mehr und mehr aufgeregt, wie es sein kann, dass Eva es nicht schafft die Abwärtsspirale aufzuhalten, die Beziehung zu verlassen, die sie auf jeden Fall immer als die Schuldige zurücklässt. Es war schwer auszuhalten beim Lesen und gleichzeitig so überaus plausibel und nachvollziehbar, wie dies passiert ist und sich immer weiter und weiter in Eva und ihr Sein eingeschrieben hat.
Mein soziales Umfeld musste sich jeden Tag immer wieder die neuesten Fassungslosigkeiten von mir zum Stand des Fortgangs von Evas Leben anhören. Ich finde es so nachvollziehbar und hätte es am liebsten sofort ganz vielen heterosexuell lebenden Freundinnen geschenkt, weil das Buch meines Erachtens heteronormative Gewalt so gut vorführt. Und hatte gleichzeitig auch Angst, dass sie es nicht so sehen würden wie ich…
Was sonst noch?
Das Buch hat in Serbien wohl einige Aufmerksamkeit erhalten – dasselbe wünsche ich dem Roman hier, insbesondere zum Augen-Öffnen für Frauen, die in toxischen heterosexuellen Beziehungen immer weiter leben. Vielleicht schafft es das Lesen des Romans das eigene Mitwirken an einer ausweglosen Situation klarer zu fassen – und hoffentlich zu verändern.
[Rezension von Lann Hornscheidt]
Milica Vučković – Der tödliche Ausgang von Sportverletzungen (2025) Paul Zsolnay Verlag: Wien
Übersetzt aus dem Serbischen von Rebekka Zeinzinger
Copyright Coverfoto: Paul Zsolnay Verlag
